03.09.2001

Autoschnäppchen im Euroland

Autokäufer in Deutschland müssen für ihre Neuwagen tiefer in die Tasche greifen als in anderen Ländern der Europäischen Union. Deshalb kann ein Autokauf im Ausland lohnen: die Preisunterschiede in Europa sind groß - teilweise bis zu 30 Prozent.

Zwei mal pro Jahr erhebt die EU-Kommission die Preise für Neuwagen in der EU. Die aktuelle Bestandsaufnahme zeigt, dass Deutschland zu den teuersten Märkten für Neuwagen gehört. Die Kommission wirft Herstellern wie Fiat, VW, Ford und Opel vor, hier eine Hochpreisstrategie zu verfolgen.
Der kostenbewusste Autokäufer kann sich durch einen Autokauf im Ausland selbst helfen: Re-Importe - korrekt eigentlich Parallel-Importe - heißt das Zauberwort der Auto-Schnäppchenwelt. Selbst mit den 16 Prozent Mehrwertsteuer, die nach der Überführung in Deutschland zu entrichten sind, ist so ein in Dänemark gekaufter Golf mit 9.099 Euro noch um 2.286 Euro günstiger als ein Neuwagen vom deutschen Markt, der 11.385 Euro kostet. Für einen Autokauf günstige Länder sind neben Finnland und Dänemark laut Empfehlung des ADAC die Niederlande, Spanien, Portugal, gelegentlich auch Luxemburg oder Frankreich.

Preisgefüge in Europa
 
Das Preisgefälle in den EU-Ländern ist bedingt durch die Mehrwert- und die Zulassungssteuer, die landesspezifisch beim Kauf eines Neuwagens anfallen. In einigen Ländern ist die erhobene Steuer so hoch, dass der Hersteller den Preis bis an die Rentabilitätsgrenze senken muss, um sich am Markt behaupten zu können.
In Dänemark beispielsweise sind 25 Prozent Mehrwertsteuer zu zahlen; dazu kommen bis zu 180 Prozent Zulassungssteuer. Die Niederländer müssen beim Autokauf eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent zahlen, bei der Zulassung werden noch einmal 45,2 Prozent Verbrauchssteuer fällig. In Finnland werden zu den 22 Prozent Mehrwertsteuer noch einmal 100 Prozent Zulassungssteuer erhoben.
„Damit ein Neuwagenvertrieb überhaupt stattfindet, müssen die Anbieter ein marktgerechtes Preisgefüge zustande bringen“, erklärt Ulrich May, Jurist und Leiter der Abteilung Verbraucherschutz des ADAC. „Dies sieht dann so aus, dass die Nettopreise, also die Preise ohne alle Abgaben, deutlich niedriger festgelegt werden.“
Die beschriebenen Steuern muss der Käufer jedoch nicht zahlen, wenn er das gekaufte Auto nach Deutschland überführt und es dort zugelassen wird. Dann sind nur die hier üblichen 16 Prozent Mehrwertsteuer fällig.

Selbstimport oder Händlerimport?
 
Wer die Preisunterschiede für Neuwagen in der EU ausnutzen will, kann sein Auto entweder selbst bei einem ausländischen Händler oder über einen freien Importeur in Deutschland kaufen.
Durch einen Selbstimport kann die Ersparnis zwar höher sein, allerdings ist diese Form des Autokaufs auch die mühsamere Variante. Je besser vorbereitet der deutsche Käufer ist, um so eher gelingt es ihm, ein wirkliches Schnäppchen zu machen: beispielsweise sollte er sich gut verständigen können - nicht jeder Händler im Ausland spricht deutsch. Preisvergleiche erfordern Zeit; der nächste Händler hinter der Grenze ist nicht zwangsläufig der günstigste.
Beim Preisvergleich für den Selbstimport sollte auf jeden Fall beachtet werden, dass die Standardausstattung von Land zu Land unterschiedlich sein kann - auch wenn die Typenbezeichnung des Autos dieselbe ist. So wird in Spanien eine Klimaanlage eher zur Basisausrüstung gehören als in Norwegen. Dort wird der Käufer wohl auf eine Sitzheizung als Standard Wert legen.

Garantie und Gewährleistung
 
Die Neuwagengarantie beträgt in der gesamten EU ein Jahr; manche Hersteller haben diese Frist verlängert. Egal wo in der EU das Auto gekauft wurde - alle Vertragswerkstätten der Hersteller sind zu Garantieleistungen in Form von kostenlosen Nachbesserungen verpflichtet. Voraussetzung ist dafür ein Garantieheft, das die Fahrgestellnummer des Fahrzeugs, das Datum der Auslieferung und den Stempel des ausliefernden Vertragshändlers enthält und zusammen mit dem Fahrzeug übergeben werden muss. Doch Vorsicht: Die Herstellergarantie ist nicht identisch mit dem in Deutschland geltenden Recht auf Gewährleistung, das heißt auf Kaufpreisminderung oder Wandlung, wenn trotz Nachbesserungen Mängel immer wieder auftauchen. Dieses ist in den EU-Ländern nicht einheitlich geregelt. Nachteil beim Selbstimport ist: der Käufer muss diese Rechte, wenn er sie denn hat, im Ausland geltend machen.

Kaufvertrag und Überführung
 
Im Kaufvertrag sind Preis, Ausstattung und Übergabetermin schriftlich festzuhalten. Der Käufer sollte sich die im Kaufland üblichen Fahrzeugpapiere und die Kaufrechnung unbedingt im Original aushändigen lassen, denn die deutschen Zulassungsstellen akzeptieren keine Kopien. Die Überführung des Autos nach Deutschland ist am einfachsten auf einem Anhänger, denn dazu ist keine Zulassung des Fahrzeugs notwendig. Ansonsten kann der Käufer das Ausfuhr- oder Überführungskennzeichen des Kauflandes benutzen. „Es ist allerdings nur in einigen interessanten Kaufländern wie Dänemark oder Spanien ohne weiteres mit der entsprechenden Versicherung zu bekommen“, verweist der ADAC- Verbraucherschutz-Experte May.
Die Zulassung ist heute kein Problem mehr: Notwendig sind folgende Papiere: Personalausweis oder Pass, Doppelkarte des KFZ-Haftpflichtversicherers, Originalkaufrechnung, ausländische Fahrzeugpapiere, EU-Typengenehmigung oder auch das Certificate of Conformity, kurz COC genannt. Diese besagt, dass diesem Fahrzeug eine EU-weit geltende Betriebserlaubnis erteilt wurde. Ebenso ist eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Kraftfahrt-Bundesamtes nötig, die bestätigt, dass das Auto bisher noch nicht in Deutschland zugelassen war und nicht als gestohlen gemeldet ist.

Parallel-Import durch freie Händler
 
Wem das alles zu umständlich ist oder zu riskant erscheint: Das gewünschte Auto kann auch durch einen freien Autoimporteur im Ausland aufgespürt und importiert werden. Die Einsparung ist dann natürlich nicht ganz so hoch wie bei einem Selbstimport, hat aber den Vorteil, dass der freie Importeur eine bessere Marktübersicht hat und weiß, welches Modell in welchen Ländern derzeit preisgünstig ist. Er fungiert entweder als Vermittler - dann ist der eigentliche Vertragspartner des Käufers der ausländische Händler und alle Verträge unterliegen dem jeweiligen Landesrecht - oder als Zwischenhändler - dann hat der Importeur im ersten Schritt das Fahrzeug bereits erworben und für den Kaufvertrag des Kunden mit dem Importeur gilt deutsches Recht, der Zwischenhändler muss demzufolge auch Gewährleistungsansprüche erfüllen.
Egal welchen Status der Importeur einnimmt - für den Käufer positiv ist, dass er in beiden Fällen die Einfuhr- und Zulassungsformalitäten erledigt. Der Kunde muss darauf achten, dass der Garantiezeitraum bereits mit der Übergabe des Fahrzeugs an den Importeur beginnt.
ADAC-Jurist May empfiehlt, beim Autokauf über einen Importeur auf jeden Fall eine Anzahlung zu vermeiden. Die Forderung nach einer Anzahlung sei beim Neuwagenkauf unüblich. „Wir haben immer wieder Probleme damit, dass Händler eine hohe Anzahlung verlangen. Das heißt nicht zwangsläufig, dass sie unseriös sind, aber der Käufer trägt so immer das Konkursrisiko des Importeurs.“ Der Kunde sollte deshalb vertraglich vereinbaren, dass der gesamte Kaufpreis erst mit der Übergabe des Wagens fällig werde. Zusätzlich sei es sinnvoll, dass der Käufer auf einer schriftlichen Bestätigung des Liefertermines und auf der ebenfalls schriftlichen Zusicherung bestehe, dass es sich um einen Neuwagen handelt, so die Empfehlung des Verbraucherschutz-Experten vom ADAC.
Doch wie erkennt ein Kunde, ob der Händler seriös arbeitet? Theo Breitgoff vom Bundesverband freier KFZ-Importeure e.V. verweist darauf, dass eigentlich „jeder reimportieren kann, der will“. Aus diesem Grund wurde der Verband gegründet. Die dort derzeit 150 organisierten Re-Importhändler unterziehen sich einer Prüfung für ein Gütesiegel, das dem Kunden seriöses Verkaufsverhalten garantieren soll.
Übrigens: Das immer noch grassierende Vorurteil, EU-Autos seien minderwertiger als die für Deutschland gebauten Autos, sie hätten dünneres Blech, die Verarbeitung sei schlechter und man müßte lange auf Ersatzteile warten, ist nach Ansicht von Experten völliger Quatsch. Kein Hersteller kann es sich leisten, in den Niederlanden oder in Spanien qualitativ schlechtere Autos anzubieten.
 

Quelle:WDR (von Dörte Fleischhauer)